Wurzen. Als sie die Kartons in den Händen halten, müssen die beiden Brüder Döbelt selber lachen: Auf der Vollmilch prangt das Foto vom etwas robusteren Karsten, auf der fettreduzierten das Porträt des schlankeren René. Nein, das sei nicht wirklich Absicht. Vor allem seien beide auf allen anderen Produkten vereint abgebildet.

Joghurt, Quark und Käse vom Landgut Nemt erobern die sächsischen Supermärkte und Hofläden. Die Bio-Produkte sind beliebt, und immer mehr Kunden fragen sich, wer die Macher sind.
Ihre Produkte sind ein Qualitätsversprechen, ihre ganz persönliche Passion. „Wir sind die Leute hinter der Marke“, sagen die Firmengründer vom Landgut Nemt. René ist der Landwirt, Karstens Herz schlägt für die Molkerei. Zusammen führen sie am Rande Wurzens einen Bio-Landwirtschaftsbetrieb mit 65 Mitarbeitern.
Im Umkreis von 50 Kilometern, aber auch bis Halle und Dresden, sind sie mit Quark, Käse und Co. in immer mehr Läden präsent. Ob in den großen Märkten wie Konsum Leipzig, Rewe, Denn’s, Edeka, Globus oder Hit, in Tante-Emma- oder Hofläden − überall steht ihr Name (und ihr Gesicht!) für viel Handarbeit.
Kreativität und altbewährte Rezepte
Die Milch kommt nur von den eigenen Kühen. Das Futter wächst auf Wiesen und Äckern rund um den Wachtelberg. Die Tiere entscheiden selbst, ob sie im Stall oder auf der Weide sein möchten. Für kurze Wege stehe nicht zuletzt die hofeigene Molkerei, in der mit Kreativität und nach altbewährten Rezepten gearbeitet werde.
Doch wer sind die Brüder, die seit über 30 Jahren für Erfolg stehen? Und auf die der Spruch „Milch macht müde Männer munter“ in besonderer Weise zutrifft: René und Karsten Döbelt, der eine 59, der andere 55, sind begeisterte Rennradfahrer. So wie schon Vater Reinhard. Dieser verpasste 1960 nur knapp die Olympiaqualifikation.
Einmal im Jahr beteiligen sich die beiden Radrenner an der Eintagesfahrt von Leipzig bis an die Ostsee. Sie sind nicht nur im Pulk der rund 100 Starter dabei, sondern sorgen mit ihren Produkten auch fürs leibliche Wohl der Teilnehmer. Dabei war Karsten im ersten Leben eigentlich Fußballer, schaffte es sogar in den Kader der BSG Chemie Leipzig.
Mitte der Neunzigerjahre holte ihn sein Bruder in den Landwirtschaftsbetrieb. René, der Diplom-Agraringenieur, hatte zuvor bereits die ehemalige LPG „Karl Marx“ in Wurzen erworben. Mit 22 Beschäftigten, 800 Kühen und einem Stall war er gestartet. Hinzu kamen 900 Hektar Ackerfläche, 100 Hektar Grünland und − ein Dürrejahr.
Anfangs fuhren sie wie der Milchmann im Film mit dem Auto voller Flaschen in die nahe Großstadt. Dem Lieferdienst von einst sind die Brüder bis heute treu geblieben: Dienstags, mittwochs und freitags fahren sie Privatkunden an, die entweder im Online-Shop bestellen oder Abonnenten sind. Auch die Gastronomie gehört zum Absatz.
Das Landgut Nemt ist zugelassener Schulmilchlieferant. Über 50 Kindereinrichtungen stehen auf dem Tourenplan. Manchmal ist die Nachfrage so groß, dass sich Ola Wagner in der Molkerei regelrecht überschlagen muss. Die 61-jährige Produktionsarbeiterin ist seit 2011 an Bord. Ob es ihr gefällt? „Sonst wäre ich nicht mehr mit dabei.“
Ihre Chefs beschreibt sie ebenfalls kurz und knapp: „Menschlich, bodenständig, fair.“ Ola Wagner freut sich schon auf den 11. Mai. Zum Hoffest werden wieder bis zu 7000 Besucher erwartet. Es gibt Stall- und Feldführungen, Erläuterungen zu Molkerei und Biogasanlage. „Und natürlich darf die Strohhüpfburg nicht fehlen.“
René und Karsten Döbelt stehen nicht nur einem Familienbetrieb vor, sie sind auch selber Familienmenschen. Karsten, der Lebensmittelingenieur, hat zwei, René drei Kinder. Zwei davon, Christoph (36) und Thomas (35), gehören bereits der Geschäftsführung an. Christophs Frau Laura (33) kümmert sich um das Marketing.
Schwägerin Corinna Döbelt (52) ist für die Buchhaltung zuständig. Sie hat in Dehnitz ihr Büro. Dort befindet sich auch der Betriebssitz mit Molkerei, Hofladen und Café. In Burkartshain ist der Standort für den Ackerbau. Die Döbelts sind nicht nur bekannt für Milchprodukte, sondern auch für Gemüse und Kartoffeln.
Einer der größten deutschen Erzeuger von Bio-Zwiebeln
Möhren, Bohnen, Erbsen, Kürbisse und Rote Bete − alles bio − gehören zum Kerngeschäft. Ihre Bio-Zwiebeln machen in Deutschland einen Marktanteil von vier Prozent aus. „Freunde von uns schickten uns erst letztens ein Foto aus einem Lidl-Markt in Hamburg, wo sie unsere Zwiebeln entdeckten“, sagt René Döbelt.
Früher habe man drei Bullen verkauft und konnte sich dafür einen Traktor leisten. Heute müsse man dafür 100-mal so viele Tiere veräußern. Was die Brüder damit sagen wollen: „Wer heute noch am Markt ist, muss automatisch erfolgreich sein. Nach der Wende hatten wir 250.000 Milcherzeuger, heute sind es nicht mal mehr 50.000.“
Die sich mitunter widersprechenden deutschen Vorschriften führten zu hohen Produktionskosten, durch die die Wettbewerbsfähigkeit gefährdet sei, betonen die Brüder. Sie gehen einen Sonderweg, wollen sich durch Kundennähe und ein authentisches Produkt vom Weltmarkt abkoppeln. Der Erfolg gibt ihnen Recht.
Die Firma beteiligte sich an den Bauernprotesten. Damit nicht genug: Die Döbelts versorgten die Demonstranten auf der Straße mit ihren Produkten. Das Landgut Nemt schaut eben immer auch über den Rand des eigenen Joghurtbechers hinaus, unterstützt die örtliche Kinderfeuerwehr und finanzierte am Kirchturm die neue Uhr.
Von Haig Latchinian
LVZ vom 27.03.2025